Montag, 27. Juni 2011

It’s raining, men!

(Das Komma habe ich ganz bewusst dahin gesetzt, wo es in der Überschrift steht!)
Wegen Blitzeinschlags war ich momentan am onlinesein gehindert, deshalb erscheint dieses Posting mit zweitägiger Verspätung.
Es regnet, es regnet, die Erde wird nass. Jawoll, es regnet. Wurde ja auch mal langsam Zeit. Hauptsache, es hat sich ausgeregnet, wenn morgen Abend die Fußballdamen die WM einläuten. Dann will ich technische Finesse auf dem Rasen sehen – weniger einen Wet-T-Shirt-Contest. Darum geht’s schließlich nicht beim Frauenfußball. Obwohl – wenn man so einigen Herren der Schöpfung zuhört, warten die (mehr oder weniger brav) 90 Minuten und die Halbzeitpause nur darauf, dass endlich mal die Spielerinnen auf die Idee kommen, es ihren Herren Kollegen gleich zu tun und die Trikots zu tauschen. Offensichtlich ist bei diesen Mannsbildern immer noch nicht durchgesickert, dass Frauenfußball ein ernst zu nehmender Sport ist, wo ordentlich Leistung gezeigt wird – selbst wenn die Damen nicht dermaßen fürstlich dafür belohnt werden wie ihre männlichen Kollegen.
„Frauenfußball WM 2011“ © Wolfgang Pfensig/pixelio.de

Das ist mal wirklich eine Schande: Ganz Deutschland diskutiert sich die Köpfe heiß und den Mund fusselig darüber, ob man Gleichberechtigung im Berufsleben wirklich leben kann, welche Voraussetzungen dafür notwendig sind und noch eingerichtet werden müssen und ob eine Frauenquote das Nonplusultra auf dem Weg dahin darstellt. Wenn aber die Frauen wirklich mal auf einem Gebiet mehr Leistung zeigen als die männlichen Counterparts, dann wird das elegant übergangen und man tut am besten so, als habe man es nicht bemerkt. Es kann doch nicht unter den Teppich gekehrt werden, dass die Mädels jetzt die Eroberung des dritten WM-Titels in Folge anstreben (das wäre dann der vierte WM-Titel überhaupt, also einer mehr als die Fußballherren hätten). Es darf auch nicht verschwiegen werden, dass die Frauen kaum von ihren „Profiverträgen“ leben– geschweige denn, sich ein Polster ansparen können, damit sie in der Lage sind, die Zeit nach der Profikarriere entspannt anzugehen und in Ruhe über den weiteren Berufsweg nachzudenken.
Umso interessanter ist allerdings die Tatsache, dass man weniger Schlagzeilen von Pleitegeiern unter ehemaligen Profisportlerinnen liest als von Ex-Sportlern. Liegt das vielleicht daran, dass die Damen weniger laut hinausposaunen, dass sie finanziell auf dem absteigenden Ast sind? Und bedeutet das – wenn man den Faden mal weiter spinnt –, dass möglicherweise die Frauen besser mit den ihnen zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln haushalten können oder aber – wenn sie denn wirklich in Geldnot sind – einfach weniger jammern und eher alles daran setzen, aus der Notlage herauszukommen (möglichst auch noch aus eigener Kraft)… Diese Gedankenflut muss ich erst mal einsickern lassen und genüsslich durchkauen.
Fassen wir also kurz zusammen:
1. Frauen verdienen bei mindestens gleicher Leistung dennoch weniger Geld.
2. Frauen gehen nicht so oft pleite wie Männer.
3. Wenn Frauen doch mal am finanziellen Abgrund stehen, gehen sie damit nicht an die Presse, sondern raffen sich wieder auf.
Jetzt bin ich vom Regen zwar nicht in die Traufe, aber irgendwie zu einem völlig anderen roten Faden gekommen. Kehren wir also noch einmal zurück zur Wetterlage – schließlich sagt man ja auch „warmer Regen“ zu einem Geldgewinn. Wenn die Damen also tatsächlich den Titel holen, dann wünsche ich ihnen einen ganz tollen, strömenden warmen Regen (also nur in finanzieller Sicht, nicht meteorologisch). Und wenn sie den Titel dieses Mal nicht holen sollten (andere dürfen schließlich auch mal), dann wünsche ich unseren Damen, dass die Fans sie nicht im Regen stehen lassen, sondern das Fußballsommerfest trotzdem ausgelassen und fröhlich feiern.

Dienstag, 14. Juni 2011

KinderGELD – ein etwas anderes Sparpotential für den Staat

Heute in allen Nachrichten: Es soll so viele Selbstständige Unternehmer geben, die ihr Einkommen mit Hartz IV aufstocken müssen, dass der Staat darüber nachdenkt, wie er diesen Ausgabenfluss stoppen kann. Irgendwoher kam plötzlich so ein Verdacht, dass es wohl schwarze Schafe gebe, die sich „arm rechnen“, um so vom Staat ihre Krankenversicherung, ihre Wohnung und/oder noch einen Teil des Bareinkommens finanzieren zu lassen.
Jetzt mal im Ernst: Ist das wirklich so neu? Es soll ja sogar Selbstständige geben, die sich arm rechnen, um unliebsamer Unterhaltspflichten gegenüber ihren Kindern und vielleicht sogar auch noch einer Exfrau zu entgehen… Seltsam nur, dass der Staat in solchen Fällen bislang immer nur – bildlich gesprochen – mit den Schultern gezuckt und bis zu sechs Jahre lang Unterhaltsvorschuss in Höhe des Mindestsatzes gemäß Düsseldorfer Tabelle gezahlt hat. Nach den sechs Jahren hat das Kind – und in dessen Vertretung der alleinerziehende Elternteil (meist die Mutter und Exfrau des Unterhaltspflichtigen) – finanziell in die Röhre geguckt.
Während die Mutter für jede Sonderausgabe bei diversen Stellen Klinken putzen, betteln gehen und alles Mögliche bei Beantragung von Sonderleistungen nachweisen musste, konnte sich der Selbstständige entspannt zurücklehnen: Seine Unterhaltspflicht bemaß sich schließlich an Hand seiner Steuererklärung aus zurückliegenden Jahren. Das aktuelle Einkommen war meist irrelevant – umso mehr, sofern eine Anfrage nach Offenlegung des Einkommens weniger als zwei Jahre zurücklag. So konnte der vermeintlich erfolglose Unternehmer den Segeltörn mit der niedlichen Sekretärin als Geschäftsreise verbuchen und den neuen Flatscreen dem Equipment für Videokonferenzen zuschlagen. Richtig gewiefte Unterhaltsverweigerer gehen noch einen Schritt weiter auf der nach unten offenen Peinlichkeitsskala: Sie schenken dem Nachwuchs zu Weihnachten einen Laptop, welcher selbstverständlich buchhalterisch dem Bürobestand zugerechnet wird. Mit diesem Schritt haben sie gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen:
  • dem Kind ein supertolles Geschenk gemacht;
  • bürobedingte Ausgaben generiert, was
  • den Gewinn des Unternehmens minimiert und damit konsequenterweise
  • das der Berechnung eines möglichen Unterhaltsanspruchs zu Grunde liegende Einkommen gemindert.
Das Kind durchschaut dieses Geflecht natürlich nicht, da es den Überblick nicht haben kann, sondern erfreut sich am neuen E-Spielzeug und hat keine Ahnung, dass es dieses Geschenk letztendlich selbst finanziert hat.
Die ehrlichen Unterhaltspflichtigen, die von sich aus auf die Unterhaltsberechtigten zukommen und über höhere Einkommen und damit auch höhere Unterhaltszahlungen informieren (und die Zahlungen dann einfach vornehmen), sind scheinbar in der Minderheit (ich freue mich über jede Zuschrift, die mich eines Besseren belehrt). Bei vielen Unterhaltspflichtigen – hauptsächlich Männern – sitzen einfach Verletzungen, die sich die Elternteile im Rahmen Trennung gegenseitig zugefügt haben, zu tief, als dass sie den Fokus ungetrübt auf die Belange (und in erster Linie das Wohl) der Kinder richten könnten. Sie sehen nur, dass sie den Unterhaltsbetrag auf ein Konto überweisen sollen, welches sich im „Hoheitsbereich“ der Ex befindet – und das verstellt automatisch den Blick auf das Wesentliche: Die Ex ist verpflichtet und meistenfalls auch in der Lage und ausschließlich daran interessiert, dieses Geld für Kindesangelegenheiten zu verwenden. Man(n) muss ihr in dieser Hinsicht ein Vertrauen entgegen bringen, was unter den gegebenen Umständen schwer fällt. Die Leidtragenden sind dann wieder die Kinder.
Es ist allerdings schon interessant, dass angesichts der angespannten Haushaltslage und der Verpflichtungen, die der deutsche Staat im Rahmen des Euro-Rettungsplans eingegangen ist, plötzlich das Augenmerk von staatlicher Seite auf die vermeintlichen Drückeberger fällt. Allerdings gehen die aktuellen Überlegungen einfach nicht weit genug: Man sieht nur ein konkretes Sparpotential, welches sich auf die Zuschüsse (Hartz IV) für die Selbstständigen beschränkt. Die weitergehenden Möglichkeiten, wonach der Staat sich auch jede Menge Unterhaltsvorschüsse an Kinder solcher Unterhaltsverweigerer sparen könnte, werden (zunächst) überhaupt nicht in Betracht gezogen. Man könnte meinen, es fiele niemandem auf, was da teilweise (leider viel zu oft) für Spielchen getrieben werden, damit einige Personen sich mehr oder weniger elegant – auf jeden Fall aber billig – aus der Affäre ziehen können und anderen – nämlich dem Staat und damit den ehrlichen Steuerzahlern – ihre Verpflichtungen aufbürden.
Ähnliche Beispiele des Sicharmrechnens gibt es auch auf dem Gebiet des Sozialleistungsbetrugs, wo Arbeitnehmer als geringfügig Beschäftigte angemeldet werden, damit sie sich die – im Normalfall höheren – (Regel-)Beiträge zur Sozialversicherung sparen können. Von Schwarzarbeit wollen wir hier mal gar nicht erst anfangen… Denen sind ja die Fahnder von Finanz- und Zollbehörden immer kräftig auf der Spur – oder auch nicht.
Wer – frage ich mich in diesem Zusammenhang – verfolgt eigentlich die Unterhalts(teil)verweigerer, wenn z.B. die Anspruchsberechtigten nicht in der Lage sind, dauernd vor Gericht um die Befriedigung ihrer Ansprüche zu kämpfen (wenn die Mutter beispielsweise einen Tick zu viel verdient, um Prozesskostenhilfe gewährt zu bekommen, aber dennoch das Geld für Gerichtskosten und Anwalt nicht mal eben auf der hohen Kante hat, sondern grade so über die Runden kommt)? Warum sperren sich die Behörden und speisen Hilfe suchende Mütter nicht selten ab mit den Worten: „Seien Sie doch froh, dass er überhaupt zahlt!“.
Bilde ich mir das nur ein oder werden Kinder und ihre Belange wirklich nicht wahr- und somit auch ernst genommen?

Mittwoch, 25. Mai 2011

Ich glaube, also spinn ich?

Eins vorweg: Ich bin kein besonders gläubiger Mensch. Ich glaube an die Wissenschaft und wissenschaftliche Beweise, an mein Bauchgefühl (davon hab ich – schon aus rein anatomischen Gründen – jede Menge) und die Tatsache, dass man sich immer zweimal im Leben trifft (jedenfalls meistens immer).

Da bislang weder ein Beweis für die Existenz Gottes noch für seine Nichtexistenz geliefert wurde, sehe ich mich außer Stande, reinen Gewissens und leichten Herzens einen Gottesdienst zu besuchen, inbrünstig mitzusingen und an religiösen Handlungen teilzunehmen. Anlässe, bei denen so etwas erwartet wird, rufen bei mir immer ein gewisses Unbehagen hervor. Einzige Ausnahme bildet der Kindergottesdienst mit Krippenspiel am Nachmittag des Heiligabends. Ich sehe darin eher eine Art Märchenstunde mit Kindertheater, woran im Anschluss man nach Hause geht und nach dem Kaffeetrinken direktamente das Abendessen und die Bescherung für die Kinder vorbereitet.

Schwieriger wird’s schon bei Hochzeiten in katholischen Kirchen: Das dauert immer ewig, man muss dauernd aufstehen, Köpfchen senken, Hände falten, alle murmeln vor sich hin, es gibt einen regelrechten Dialog zwischen dem Pfarrer und der Gemeinde, wobei nur die Textstellen (meist) einwandfrei verständlich sind, die der Pfarrer rezitiert – es sei denn, er spricht vom „Gebäck des Lebens“, wenn er eigentlich das Gepäck meint, wenn er das beschwerliche Leben eines Gemeindemitglieds darstellen mag; aber das nur nebenbei. Außerdem wird meist aus den Briefen des Paulus an die Korinther gelesen. Spätestens bei der dritten Hochzeit ist das dann nicht mehr spannend, sondern regelrecht einschläfernd. Hat man sich dann damit abgefunden, dass auch bei diesem Gottesdienst keine bahnbrechend neuen Texte gegeben werden, wird man jäh aufgeschreckt, weil wieder alle aufstehen und fürchterlich schief singen. Im Film ist das immer ganz charmant: Die Gemeinde singt schön und nur einer – meist einer der Hauptdarsteller oder wenigstens eine verhältnismäßig wichtige Nebenfigur – brummt oder quäkt schräg neben der eigentlichen Harmonie. Im real life ist der akustische Rahmen doch eher breit gefächert: Jeder scheint sein eigenes Liedchen zu zwitschern – und dann auch jeder in einer ganz eigenen Tonart und seinem speziellen Tempo. Das ist spätestens beim zweiten Mal nicht mal mehr ansatzweise lustig.

Insofern fand ich die Hochzeit meiner Freundin Juliane ganz prima: Die Trauung fand in einer historischen Dorfkirche statt, dauerte nur eine Stunde und es wurde nicht von der ganzen Gemeinde gesungen. Stattdessen bot eine Solistin das Ave Maria von Schubert dar, dass es einem fast das Herz zerriss. Es gibt ja so Lieder, bei denen man automatisch Pipi in die Augen bekommt, auch wenn man den Text gar nicht versteht. Ich könnte zum Beispiel jedes Mal Rotz und Wasser heulen, wenn ich Luciano Pavarotti Nessun dorma singen höre – einfach ergreifend! Aber zurück zu glauben oder nicht glauben und den Folgen davon: Neulich ging ich zu einer Beerdigung eines katholischen Gemeindemitglieds. Ich war zunächst überrascht, am Tor zur Trauerhalle ein Schild vorzufinden, auf dem darum gebeten wurde, von Kondolenzbekundungen abzusehen. Im Eingangsbereich lag ein Kondolenzbuch aus, in welches sich jeder Trauergast – also auch ich mich – eintrug. Anschließend ging man an den Stuhlreihen vorüber zum Sarg, der in der Mitte des vorderen Bereiches aufgebaut war. Um den Sarg herum lagen bereits Kränze und Gestecke; davor stand eine Schale mit Weihwasser und einem Silberdings (ich weiß halt nicht, wie man das nennt… Klöppel vielleicht?) darin. Jeder stand einen Moment vor dem Sarg, nahm den – ich nenn’s jetzt einfach mal so – Silberklöppel aus dem Weihwasser und besprengte damit den Sarg. Um nicht weiter aufzufallen, hab ich das dann auch gemacht und anschließend mein Blumengesteck zu den anderen Gebinden abgelegt. Auf das Sichbekreuzigen habe ich allerdings verzichtet.

Bereits während ich mir anschließend einen Platz suchte, fühlte ich mich seltsam: Hätte ich das mit dem Weihwasser überhaupt machen dürfen? Schließlich glaube ich nicht an Gott, dem zu Folge auch nicht daran, dass Jesus dessen Sohn ist, der die Sünden der Menschheit auf sich genommen hat und durch seinen Tod und die anschließende Auferstehung Hoffnung bringt. Insofern habe ich eine Handlung vollzogen, die – in meinen Augen – ausschließlich von Leuten vollzogen werden dürfte, die einen Sinn darin sehen und wirklich glauben, dass diese Tat etwas (was auch immer) „bringt“. Anyway, ich muss jetzt damit leben, dass ich vielleicht eine „Sünde“ begangen habe – zumindest in den Augen derjenigen, die sich von diesem Fehltritt auf den Schlips getreten fühlen. Das macht die Sache aber nicht leichter für mich: Ich bemühe mich, jedem Menschen Respekt entgegen zu bringen und Verständnis für seinen Glauben zu entwickeln. Das darf ich dann aber durch solch unüberlegte Handlungen, die ich nur vornehme, „weil man das so macht“ oder „weil alle das so machen“, nicht beschmutzen. Schließlich fordere ich für meine Geisteshaltung ebenfalls Respekt ein und möchte nicht bekehrt oder missioniert werden.

Ich finde zwar einiges höchst befremdlich, was unter dem Vorwand des Glaubens so alles passiert, und es ist bestimmt auch nicht alles vom Glauben gerechtfertigt, was so in der Welt passiert. Aber ich werd's wohl kaum ändern können. Aber ich bin auch nicht gezwungen, mich aktiv daran zu beteiligen. Vermutlich habe ich kein Kapitalverbrechen dadurch begangen, dass ich einen Sarg mit Weihwasser besprengt habe. Aber ich sehe einfach keinen Sinn darin, zumal ich die „Heiligkeit“ des Weihwassers an sich schon in Frage stelle (mal ganz davon abgesehen, wodurch das Weihwasser denn nun heilig wird oder nicht, bin ich spätestens seit diversen Lausbubenfilmen davon überzeugt, dass man eben nicht automatisierte Handlungen vollziehen sollte, ohne sich vorher eingehend davon überzeugt zu haben, was man sich da so ins Gesicht und an die Kleidung schmiert, ohne anschließend im Wortsinne angeschmiert zu sein).

Insofern habe ich eine – in meinen Augen – unnütze Handlung vollbracht, bei der jedoch wenigstens niemand zu Schaden gekommen ist. Allerdings gibt es religiöse Riten, die sehr wohl auch körperlichen Schaden anrichten können: Ich musste mich schon arg beherrschen, um nicht lautstark röchelnderweise die Halle zu verlassen, als der Pfarrer mit Weihrauch bewaffnet die Halle betrat und die Luft mit Weihrauch„duft“ schwängerte. Meine Atmung funktionierte nur noch ganz flach und mir traten Tränen in die Augen – einerseits, weil jemand gestorben war, den ich vermissen würde, andererseits aber eben auch, weil ich kaum noch Luft bekam und mir die Augen brannten. In Zukunft muss ich mir wohl eingehender überlegen, an welchen Veranstaltungen ich teilnehme und welche ich eher meiden werde.

Ich glaube ganz fest, dass ich das schaffe – Gott sei Dank ist unsere Familie nämlich generell eher nicht religiös geprägt, so dass die Anlässe, einen Gottesdienst besuchen zu müssen, in überschaubarer Zahl bleiben dürften!

Sonntag, 8. Mai 2011

Ein Adler geht baden

Seit gestern steht es nun fast unverrückbar fest: Die stolze Eintracht wird zum Saisonende in die zweite Bundesliga absteigen. Hochmut kommt ja bekanntlich vor dem Fall und so ist es nur wenig verwunderlich, dass eine Mannschaft, die kurz vor Saisonende noch den Trainer gewechselt und trotz hervorragender Jugendarbeit teure „Stars“ verpflichtet hat, sich auf den Weg in die Zweitklassigkeit begeben muss. Die Verpflichtung eines Trainers Daum, der nicht nur als „Schneemann“ und Profikokser, sondern durchaus durch seine Qualifikation als Toptrainer von sich reden gemacht hatte, war da wohl eher eine Verzweiflungstat denn wohl überlegte Taktik. Neue Besen kehren gut – jedoch nur, wenn die Person, die den Besen führt, auch weiß, was sie tut. Offensichtlich weiß man allerdings bei der Eintracht kaum mehr ein noch aus. Auf eine grandiose Hinrunde folgte eine beispiellose Rückrunde, in der die Mannschaft bis heute rekordverdächtige acht Punkte holte. Es soll sich dabei um das schlechteste Bundesligarückrundenergebnis aller Zeiten (und aller Mannschaften) handeln. Die Eintracht ist also immer noch für Spitzenleistungen gut – wenn auch in negativer Hinsicht.

Satire per Merchandising: Der Badeadler
Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, teure Brasilianer, Griechen und andere Fußballpromis einzukaufen, wenn aus der eigenen Jugendarbeit exzellente Talente hervorgehen, die für nicht großartig nennenswerte Beträge ins Ausland verkauft werden? Wäre es nicht sinnvoller, diesen jungen, hungrigen Sportlern in ihrem Heimatverein eine Chance zu geben? Das würde nicht nur die Transferkostenbilanz aufhübschen, sondern sich sicherlich auch in geringeren monatlichen Gehaltszahlungen an die Spieler niederschlagen und dem Verein somit finanziellen Spielraum für etwaige Notsituationen gewähren. Es hat schon was, wenn man sich mal an Dragoslav Stepanovics Worte erinnert: „Die Mannschaft ist der Star“. In einer Parodie hat Dragoslach Steppanowitz diesen Spruch abgewandelt in: „Die Mannschaft hat den Star und zwar den grauen!“ Diese Vermutung drängt sich einem auf, wenn man beobachtet, dass oftmals nicht einmal in die richtige Richtung gespielt wird – ganz zu schweigen davon, wie oft der Ball am Tor vorbeifliegt. Das in der Landbevölkerung bekannte Gleichnis von einem, der „auf drei Meter kein Scheunentor“ trifft, kann derzeit auf ein Wort reduziert werden: „Eintrachtstürmer“. Es ist unglaublich, wie lange die Mannschaft seit Beginn der Rückrunde der Saison 2010/11 torlos war und wie wenige Tore sie in der Rückrunde insgesamt erzielt hat.
Wenn nun also die Eintracht ab Sommer in der zweiten Liga spielt, kann man nur hoffen, dass der Adler sich nicht in einen Pleitegeier verwandelt. Man muss schließlich mit geringeren Einnahmen rechnen, wenn man nicht mehr ganz vorne dabei ist. Die Ausgaben könnten durch den – weiter oben bereits beschriebenen – Einsatz von Nachwuchsspielern aus der eigenen Jugendarbeit reduziert werden. Aber vielleicht haben die Verantwortlichen in ihrer aktiven Zeit den einen oder anderen Kopfball zu viel gedroschen und dadurch möglicherweise einen Teil des logischen Denkvermögens eingebüßt.
Trauer, Entsetzen und Verzweiflung machen sich unter den Fans breit. Das darf jedoch nicht als Entschuldigung für gewalttätige Ausschreitungen dienen, die sich gegen die gegnerischen Fans, die Sicherheitskräfte und sogar die eigene Mannschaft und den Trainer richten. Wer in Fanbekleidung prügelt, dem ging bzw. geht es doch gar nicht um das Spiel an sich. Im Gegenteil – solche Chaoten ziehen den Ruf aller Fußballfans in den Dreck. Sobald man sich „outet“, dass man Fußball mag und vielleicht sogar einer bestimmten Mannschaft die Daumen drückt, wird man sofort als hirnloser Idiot abgestempelt, der nichts außer Biersaufen, Gegröle und Prügeleien im Sinn habe. Kleine verbale Reibereien zwischen den Anhängern verschiedener Mannschaften gehören zum guten Ton und machen (normalerweise) auch richtig Spaß. Sie sind Bestandteil von Fachsimpelei, die sich nicht nur auf Verbalattacken gegen Spieler und Trainer sowie Fans der gegnerischen Mannschaft beschränkt, sondern auch mit Strategie, Taktik und Technik des Spiels beschäftigt (von Vereinspolitik mal abgesehen, das ist schließlich nicht jedermanns Sache). Verbale und sonstige Entgleisungen hingegen sind nicht mit der Ausrede, man sei Fan und das gehöre sich schließlich so, zu rechtfertigen.
Einige unverbesserliche Optimisten träumen zwar noch vom Hauch der Chance, dass die Eintracht kommende Woche gegen Dortmund gewinnen könnte und gleichzeitig Mönchengladbach mit fliegenden Fahnen untergeht und verliert. Dann – aber auch nur dann (und die Wahrscheinlichkeit ist verschwindend gering) – stünde die Eintracht auf dem Relegationsplatz und hätte noch eine weitere letzte Chance auf den Klassenerhalt. Wäre es aber nicht ehrlicher, die Mannschaft stiege ab und verdiente sich nach harter Aufbauarbeit den Wiederaufstieg, nachdem die Vereinsführung endlich (ein)gesehen hat, welche Talente sie in ihren Reihen schon besitzt, und diese auch zum Einsatz kämen? Die Hoffnung stirbt zuletzt und der Abstieg ist zwar bitter, aber eben offensichtlich auch bitter notwendig, damit alle Beteiligten ihre Hausaufgaben machen können. Man möchte Heribert Bruchhagen zurufen: „Lass die für die erste Liga verpflichteten, notorischen Arbeitsverweigerer ziehen und konzentriere Dich auf engagierte Jungs, die für den Erfolg auch wirklich ackern wollen!“ Ob er das aber hören möchte bzw. auch nur einen Pfifferling auf die Einwände von Laienzuschauern gibt? Man weiß es nicht und kann höchstens spekulieren, ob der Laienzuschauer auch nur Laien zuschauen darf. Das wäre ja dann auch mal Konsequenz in der Umsetzung…

Sonntag, 1. Mai 2011

Bitte warten!

Ein Arztbesuch kann so Manches sein – beängstigend, beruhigend, informativ (auf jeden Fall), erlösend, belastend – aber auch extrem erheiternd. Dazu muss man allerdings mit der richtigen Einstellung in die Praxis gehen. Im Wartezimmer spielen sich Szenen ab, die mit etablierten Comedyshows durchaus mithalten können – wenn man sich darauf einlässt und mit offenen Augen und Ohren und auch aufnahmebereitem Geruchssinn die Wartezeit verbringt.
Seitdem bei mir eine Allergie auf Duftstoffe und Aromen festgestellt wurde, gehe ich nahezu parfümfrei durchs Leben. Umso stärker empfinde ich die mich umgebenden Düfte, was manchmal auch zur wahren Belastungsprobe ausartet. Ich bin nämlich obendrein auch noch Asthmatiker und manche Aromen schnüren mir im wahren Wortsinne die Luft ab.
Nachdem ich z.B. im zarten Alter von 18 Jahren ein wahrer Fan des Duftes „Trésor“ von Lancôme war, ist es ziemlich verwirrend, dass genau dieser Duft quasi gar nicht mehr geht. Sobald er mir auch nur in Feinstpartikeln in die Nase gerät, bekomme ich regelrecht Zustände, muss flach atmen, um nicht zu viel davon in die Bronchien zu bekommen, und bin erlöst, sobald entweder ich oder die Duftträgerin den gemeinsamen Raum verlässt. Auch sehr „männliche“ Düfte sind mir oftmals unerträglich. Es kommt eben immer auf die Inhaltsstoffe und – nicht zu vergessen – auch die Dosierung und somit Konzentration des Duftes an.
Im Wartezimmer der ortsansässigen Arztpraxis nun traf es sich, dass ich den kompletten Rundumschlag „genießen“ durfte: Zunächst nahm rechts neben mir eine ältere Dame Platz, die in Gedenken an ihren (vielleicht verstorbenen) Gatten scheinbar in dessen Rasierwasser gebadet hatte. Also flach atmen, das geht schon irgendwie. Dann betrat ein Angehöriger der Dorfprominenz den Raum und setzte sich auf den freien Stuhl zu meiner Linken. Dezentes After Shave war ganz ok, doch wusste ich bis dahin noch gar nicht, dass dieser Mensch rauchte. Nicht, dass mich das etwas anginge, aber gestört hat’s mich in diesem Moment schon arg. Ich war also gefangen zwischen Qualm und Männerparfum.
Man mag jetzt denken, dass damit doch Werbeklischees en masse erfüllt wurden und ich mich hätte glücklich schätzen dürfen. Aber mal ehrlich: Wer die Axe-Werbekampagne entwickelt hat, in der die Massen von jungen Frauen einen Typen verfolgen, der sich mit dem Duft „verfolgmich“ besprüht hatte, gehört heute noch ausgepeitscht und täglich in diesem Duftwasser gebadet, damit er sich vom durchSCHLAGENden Erfolg seiner Idee selbst immer wieder überzeugen kann. Ich würde am liebsten wegrennen, sobald mir diese künstlichen Gerüche in die Quere kommen. Das ist allerdings nicht immer möglich: Mein pubertierender Sohn hat mittlerweile die wunderbare Welt der Drogerie-Parfumabteilung für sich entdeckt und probiert verschiedenste Düfte sehr gerne und deren Wirkung aufs andere Geschlecht – meiner bescheidenen Meinung nach – exzessiv aus.
Unter uns: Stinkesocken und Schwitzeshirts sind nicht angenehm. Aber dieses regelrechte Einwickeln in artifizielle Wohlgerüche wird doch überbewertet. Einfach mal waschen und ein Deo unter die Achseln, damit der Entstehung des Schweißes teilweise vorgebeugt und das bakterielle Zersetzen des Schweißes (wodurch überhaupt erst der unangenehme Körpergeruch entsteht) verzögert wird. Es kann so einfach sein…
Der Gipfel war schließlich erreicht, nachdem der rauchende parfümierte Dorfpromi den Platz geräumt hatte, als sich eine ältere Frau dort niederließ, die offenbar in „Trésor“ gebadet hatte, was jedoch nicht die übrigen Körperdüfte verdecken konnte, die diese Person verströmte. Ich ertrug die Pein, indem ich mir ausmalte, was z.B. Ingo Appelt oder Hape Kerkeling aus der Erfahrung einer solchen Situation machen würden. Das war dann wirklich lustig und ich konnte ein breites Schmunzeln nur mit Mühe unterdrücken.
Ich bin zwar – wie vermutlich jeder Mensch – immer ganz froh, wenn ich endlich aufgerufen werde und die Wartezeit ein Ende hat. Mal ehrlich: Wer wartet schließlich schon gerne? Abgesehen davon wollte ich endlich ein klärendes Gespräch mit meinem Arzt führen; ich war also sowieso schon etwas ungeduldig gewesen. Aber dieses Mal war der Aufruf meines Namens die wahre Erlösung! Triumphierenden Blicks und erhobenen Hauptes erhob ich mich von meinem Platz der olfaktorischen Qualen und schritt am Empfangsbereich vorbei. Dabei registrierte ich schon den nächsten Angriff auf die Geruchsnerven der im Wartezimmer befindlichen Patienten, der mir nun erspart bleiben würde. Im Sprechzimmer dann empfing mich mein Arzt, der glücklicherweise offenbar mit guter Körperhygiene nicht unbedingt das Übertünchen des natürlichen Körpergeruchs mittels diverser Duftwässerchen gleichsetzt.
Der Gute!

Dienstag, 26. April 2011

Von und zu auf und davon

Wie geht’s eigentlich dem deutschen Adel? Offensichtlich gar nicht gut, denn was man so hört, sieht und liest, lässt Arges vermuten.
So hat sich am vergangenen Wochenende ein Paar derer zu Ichweißauchnichtmehrgenauwiediehießen im Boulevardfernsehen dermaßen blamiert, dass selbst bei mir – und ich bin da eigentlich eher wenig zimperlich – der Fremdschämfaktor ins Unermessliche stieg. Ein Baron und seine Frau gewährten Einblicke in ihr Privatleben, was heutzutage kaum noch etwas wirklich Neues ist. Ohne die so genannten Home Stories und intimen Geheimnisse der High Society könnte der bunte Blätterwald wohl kaum existieren, geschweige denn gefühlt alle Vierteljahre sich verdoppeln. Aber das nur am Rande und wieder zurück zum Paar des Wochenendes:
Der Herr Baron hatte einen äußerst seltsamen Vornamen, was bei Freiherren aber nicht weiter verwunderlich ist. Seine Herzensdame lieferte die schöne Unterzeile „Baronin Giulia von …“ – was vermuten lässt, dass sie vor ihrer Hochzeit Julia oder maximal Juliane hieß, da sie einst dem schnöden Bürgertum entsprang. Ihre gemeine – im Sinne von gewöhnliche – Herkunft blitzte dann auch anfangs ab und zu mal durch, um im Verlauf des Beitrags schließlich doch alles zu überstrahlen, was ihr werter Herr Gemahl dann noch an adeliger Vornehmheit und Zurückhaltung aufrecht zu halten versuchte. Zum Beispiel folgte auf die Frage, wie viele Zimmer das herrschaftliche Schloss biete, die Antwort: „Ach, vierzig oder fünfzig. Das weiß ich nicht so genau. Ich habe sie nie gezählt, sie sind ja immer einfach nur da.“ Dieses zur Schau gestellte Unwissen mag zunächst treuherzig wirken, klingt aber unglaublich überheblich und blasiert nach und hinterlässt einen schalen Beigeschmack.
Auch kaum zu fassen ist das triumphierende Lächeln, wenn die holde Freifrau zum Besten gibt, dass zunächst die Eltern des Gemahls gemeinsam mit dem jungen Brautpaar das Schloss bewohnt hatten, bevor die Schwiegereltern dann auszogen, jawohl! Dabei wird das Kinn in die Höhe gereckt und der errungene Sieg in Gedanken noch einmal so richtig gefeiert. Der junge Baron (welcher mittlerweile auch etwa bei Mitte Vierzig liegen dürfte) indes schweigt und schaut leicht betreten in eine andere Richtung. Die Wirkung dieses Blicks wird noch verstärkt durch das Arrangement der beiden auf einer Chaiselongue (bzw. einem Sofa), wobei sie ihre Sitzposition dadurch erhöht, dass sie ein Bein untergeschlagen hat und sich auf der Schulter ihres Gatten mit dem Ellbogen abstützt.
Wer in dieser Ehe und auf dem Schloss das Sagen hat, dürfte damit endgültig klar sein. Doch wird noch einmal die Position der Herr(scher)in betont, wenn sie im Sattel eines edlen Reittieres (das Pferd war wirklich schön) sitzend dem Hauspersonal Anweisungen erteilt. Der Hintergrundsprecher betont dann auch noch einmal ausdrücklich, die Baronin habe darauf bestanden, dass diese Szene so aufgenommen würde. Der Herr Baron wird dann noch befragt, wer bei gelegentlichen Unstimmigkeiten oder auch mal einem Streit nachgeben und wer sich durchsetzen würde. Die Antwort war zwar zunächst diplomatisch angelegt, kam aber letzten Endes als Eingeständnis des Unvermögens an, sich mal gegen seine Frau durchzusetzen.
Abseits davon regt sich seine Frau in der Zwischenzeit künstlich darüber auf, dass man Personal, insbesondere wenn es sich nicht um das eigene, sondern um das von Fremdfirmen handelte, ständig überwachen müsse. So seien beide täglich auf der Baustelle für die neue Reithalle, deren Genehmigung zunächst von der Gemeinde beinahe vereitelt worden wäre, wogegen man sich aber erfolgreich zur Wehr gesetzt habe. Überhaupt sei es einfach so schlimm, dass in Deutschland der Neid so verbreitet sei. Aber es sei eigentlich doch der ehrlichste Lohn, wenn man beneidet würde.
„Dann wander doch aus“, ist man geneigt, ihr zuzurufen – ich erschrecke, als ich mich dabei ertappe, diese Worte laut ausgesprochen zu haben. Versöhnt stimmt mich die Tatsache, dass der Kommentator sich einer gewissen Ironie ebenfalls nicht zu verschließen vermag. Ich glaube fast, der Herr Baron hat die feinen Nadelstiche gespürt, seine Gattin dagegen sonnt sich in ihrem Titel und ihren Standesdünkel: Sie hat’s geschafft! Ich drücke ihm die Daumen, dass er das entweder weiterhin stoisch erträgt oder aber irgendwann mal die Reißleine der Vernunft zieht. Was auch geschieht, hoffentlich wird das Boulevardfernsehen wieder dabei sein und uns daran teilhaben lassen.
Ich bin offensichtlich angefixt. Sollte ich Risiken und Nebenwirkungen an mir entdecken, werde ich darüber berichten. In diesem Sinne: Freuen wir uns doch einfach schon jetzt auf brandneue Enthüllungen aus dem Leben der von und zu Schnarchburg-Nippes, Schaumschlag-Dippe und wie sie alle heißen mögen!

Freitag, 8. April 2011

Schuhe und Konfliktfreude

Es gibt so viele Ratgeber dazu, wie Frauen in Verhandlungen eher das durchsetzen, was sie möchten, anstatt klein beizugeben. Dabei fallen dann immer wieder so Bemerkungen wie: Frauen sind konfliktscheu. Aargh – da bekomme ich sofort Stresspusteln, wenn ich so etwas höre. 

Haben Sie mal Frauen im Schuhgeschäft beobachtet? Wie sie (gefühlt) stundenlang um ein Regal herumschleichen, dabei möglichst unauffällig nach links und rechts äugen, um zu kontrollieren, ob auch ja keine Rivalin auf dasselbe Paar Traumschuhe ein Auge geworfen haben könnte, die es dann – souverän – auszubremsen gilt... Das ist ein wahres Schauspiel und besser als jede Tierdokumentation. Wenn Sie in Bernhard Grzimeks „Serengeti darf nicht sterben“ sehen konnten, wie eine Löwin ihr Junges verteidigt, so ist deren Gebaren nichts gegen das frauliche Verteidigen eines Paars wundervoller Stillettos, die farblich ideal abgestimmt sind auf das Handtäschchen im nächsten Regal. 

Meistens wissen wir Frauen ja nicht einmal, zu welcher Oberbekleidung wir genau diese Schuhe tragen werden. Aber wenn sie doch so schön sind, wird sich schon etwas dazu finden. Im Not- bzw. Zweifelsfall wird eben noch etwas dazu gekauft. Das müssen einen die edlen Teile schon wert sein. 

Um aber den Bogen zum Eingangssatz zu spannen, komme ich noch einmal auf die Verhandlung zurück: Aktuell wird wieder viel darüber berichtet, dass Frauen weniger Lohn für gleiche Arbeit als ihre männlichen Kollegen bekommen. Ein Grund, der hierfür gerne angeführt wird, ist die schon eingangs beschriebene Konfliktscheue und das zu schnelle Kleinbeigeben. In einer kürzlich geführten Diskussion meinte jemand scherzhaft, Frauen sollten sich in Schuhen bezahlen lassen und das auch in den Gehaltsverhandlungen zum Ausdruck bringen. 
Doch Obacht - auch hierbei gibt es Stolperfallen: Wenn ich nämlich meinem künftigen Chef vorschlage, dass er meine Arbeitsleistung für ein Jahresgehalt von 366 Paar Bruttojahresschuhen erkaufen kann, dann sagt das noch gar nichts über die tatsächliche Höhe des Salärs aus - und damit meine ich nicht die Höhe der Absätze meiner Bruttojahresschuhe, sondern deren finanziellen Gegenwert. Schließlich entsprechen 366 Paar Converse Chucks auch nicht ansatzweise 366 Paar Manolo Blahniks – weder im Aussehen noch im Wert. 

Allerdings habe ich schon erleben dürfen, wie sich zwei Kundinnen in einem Kaufhaus mit integrierter Schuhabteilung um ein paar Chucks nonverbal gezankt haben, weil in der von beiden Damen gewünschten Farbe und Größe nur noch ein einziges Paar vorhanden war. Ich habe schon insgeheim darauf gewartet, wann eine der beiden ihre Krallen katzenmäßig ausfährt und der anderen das Gesicht zerkratzt. Die finsteren Blicke haben jedenfalls keinen Zweifel daran gelassen, dass genau das die Absicht beider Frauen war und sie es sogar ein bisschen bedauerten, physiologisch nicht zum Krallenausfahren in der Lage zu sein. Abgesehen davon haben sie ihren Eiertanz um das Paar Schuhe dermaßen unprofessionell geführt, dass am Ende ich die Objekte der Begierde mein eigen nennen konnte und das kam so: 
Chucks © ARTill / PIXELIO
Kundin A hat den linken Schuh aus der Verpackung genommen und von hinten bis vorne beäugt. Kundin B sucht noch die gesamte Palette nach einem weiteren Paar cappuccinobrauner halbhoher Chucks in Größe 39 und stellt fest, dass das einzige Paar dieser Farbe in dieser Größe gerade zur Hälfte in den Händen von Kundin A liegt. Also geht sie in Lauerstellung: Dabei umkreist sie Kundin A in immer enger werdenden Spiralen und lässt den Schuh nicht aus den Augen. Kundin A bekommt das natürlich mit und gerät ein bisschen in Zugzwang: Soll sie sich dieses Paar Schuhe nun kaufen oder nicht? Wozu würde sie es anziehen wollen? Vielleicht denkt sie auch an den Kaufpreis und darüber nach, ob sie sich dieses Paar Schuhe überhaupt leisten kann. Der Schuh wiegt dabei sanft in ihrer Hand, der Blick ist leicht entrückt, während Kundin B der Schachtel mit dem rechten Schuh verdächtig nahe kommt. Schwupps, gerade noch rechtzeitig ist Kundin A aus ihrer Trance erwacht und hat sich mit einem geschickten Griff des Kartons bemächtigt. Sie legt den linken Schuh hinein, legt den Karton in ihren Korb und setzt ihren Einkauf fort. Kundin B ist enttäuscht darüber, dass A schneller war, und gibt sich nach relativ kurzer Zeit mit einem Paar taupefarbenen Chucks zufrieden; allerdings nicht ohne darüber zu jammern, dass die braunen Schuhe doch so gut zu dieser und jener Hose und diesem und jenem Shirt gepasst hätten, und auch nicht ohne sich selbst mehrfach darüber zu versichern, die taupefarbenen Schuhe wären auch sehr schön (sie war in Begleitung einer anderen Frau – vielleicht ihre Schwester oder Freundin, aber as tut nichts zur Sache). 

Mit Highheels kommt man flach raus
© Essenia Deva / PIXELIO
Irgendwann im Laufe des Einkaufs hat sich Kundin A jedoch dazu entschlossen, die Cappuccinoschlappen nicht zu kaufen, und hat sie – statt sie wieder ordentlich dort abzustellen, wo sie sie hergeholt hatte - in einem Regal mit Kinderbüchern abgelegt. Ich muss wohl kurz nach ihr an diesem Regal vorbeigekommen sein, denn da lagen sie – die vorher so heiß umkämpften Schuhe, die ich ja eigentlich auch kaufen wollte (aber ich mochte mich nicht in den Kampf darum einmischen). Ich war also die lachende Dritte, nachdem sich zwei gestritten haben. Ich schwelgte förmlich in Konfliktfreude – also in Freude über den Konflikt, den andere für mich entschieden hatten und aus dem ich meinen Nutzen ziehen konnte. 


Ob ich um Manolos kämpfen würde? Vermutlich nicht – ich kann in hochhackigen Pumps nämlich nicht laufen, und nur zum „Habenwollen“ und Anschauen sind sie mir einfach zu teuer. Aber wenn ich ehrlich bin: Es sieht schon toll aus, wenn eine Frau Highheels trägt – allerdings nur, wenn sie sich darin auch vernünftig bewegen kann. Leider erlebt man ja nur allzu häufig das Gegenteil – doch das ist ein anderes Thema...